Werteverkauf oder Notwendigkeit - Fußballkommerzialisierung

Werteverkauf oder Notwendigkeit - Fußballkommerzialisierung


Anfang 2011 war es dann soweit: Die Kommerzialisierung des Sports im Allgemeinen und des Fußballs im Besonderen hatte endgültig auch in Offenbach Einzug gehalten. Schauplatz des Ganzen war das in die Jahre gekommene "Stadion Bieberer Berg", eröffnet 1921 und benannt nach seinem Standort auf Offenbachs höchster Erhebung, Spielstätte der Offenbacher Kickers 1901 e.V.

Von Fans und Umfeld in den Status eines Wahrzeichens erhoben, weicht die Arena nun dem "Sparda-Bank-Hessen-Stadion" an gleicher Stelle. Nicht nur des sperrigen Namens wegen waren Kritiker schnell zur Stelle: Die Unternehmung sei nicht finanzierbar, monierten die einen; die Traditionen, Werte und die "Seele" des Vereins werde zu Gunsten des schnöden Profits verschachert, beklagten sich die anderen.

Relativ schnell wurde offensichtlich, dass die Fähigkeit zur Differenzierung bei allen Parteien gering ausgeprägt war; in erster Linie wurde es zu einem Konflikt der Ideologien. Rein sachlich ist jedoch festzuhalten: Das "Stadion Bieberer Berg" war bekanntermaßen jahrzehntelang ein Kostenfresser für Stadt und Verein; die durch den Zweitligaaufstieg 2005 erforderlichen Ausbauten beispielsweise konnten nur durch Spendenaufrufe und Fanaktionen gestemmt werden. Eine umfangreiche Sanierung war nie durchgeführt worden, sodass Dach und Tibünen mit den Jahren einem löchrigen Flickenteppich ähnelten, von statischen Mängeln soll hier gar nicht erst die Rede sein. Ganz nebenher will auch noch der tägliche Spielbetrieb (inkl. Gehälter, Prämien, Gebühren) gewährleistet sein.

Fakt war also: In absehbarer Zeit, bei einer chronisch verschuldeten Stadt und einem nicht minder chronisch verschuldeten Verein, würde ein geregelter Spielbetrieb im Profibereich nicht mehr möglich sein.

Obwohl Kickers Offenbach als eine der wenigen Mannschaften im Profifußball bis zuletzt die Rechte am eigenen Stadionnamen innehatte, musste angesichts dieser Notlage auch die letzte Bastion fallen. Hierbei brachten die Verantwortlichen in Zusammenarbeit mit den Sponsoren das Kunststück zustande, eine komplette Arena aus Fertigbauteilen im Wert von 25 Millionen Euro aus der Wiege zu heben. Zum Vergleich: Beim benachbarten FSV Frankfurt schlägt allein die geplante Haupttribüne mit 11,5 Millionen Euro zu Buche.

Aus der Sicht eines Wirtschaftsunternehmens, als das sich ein moderner Profifußballclub betrachtet und betrachten muss, blieb also wenig bis gar kein Handlungsspielraum; jeder Hausbesitzer kann ein Lied davon singen, welche Kosten eine marode Immobilie verschlingen kann.

Bleibt noch die Frage nach Traditionen und Werten: Diese beiden standen bei der Entscheidung des Stadionumbaus an hinterster Stelle, keine Frage. Doch muss sich angesichts der heutigen Gegebenheiten auch die konservative Fankultur den realen Zuständen geschlagen geben: Fußball und Tradition sind eng verknüpft, Profifußball und Werte sind jedoch ein Widerspruch. Wer sich den modernen Mechanismen nicht fügt, wird in einem darwin'schen Prozess aussortiert, ohne Nachruf. Von einem Werteverkauf kann somit keine Rede sein, da Werte als (Tausch-)Ware nicht länger zur Verfügung stehen.